Was ist Kunst (pflichtteilsrechtlich) wann wert?

Die Entscheidung

Erst vor kurzem wurde eine bereits im Jahr 2016 ergangene Entscheidung des Landgerichts Köln bekannt, in welcher sich dieses Gericht in einem Pflichtteilsprozess mit der Wertigkeit zweier Gemälde eines namhaften Künstlers auseinanderzusetzen hatte (LG Köln, Schlussurteil vom 06.04.2016, 4 O 118/03). Die Entscheidung verdient es, kurz besprochen zu werden, da sie einmal mehr zeigt, vor welche Probleme sich Pflichtteilsberechtigte mitunter in Prozessen gestellt sehen.

Im zugrunde liegenden Fall wies der Nachlass unter anderem zwei Gemälde eines namhaften Künstlers auf. Beim ersten dieser Gemälde herrschte sowohl am Stichtag „Todestag" als auch noch Jahre später Streit, ob es tatsächlich vom betreffenden Künstler stammte. Die Authentizität des zweiten Gemäldes immerhin stand nicht infrage. Dieses andere Gemälde war jedoch einmal in einer Datenbank erfasst worden, in der sich vor allem Suchmeldungen von als „Raubkunst" verloren gegangenen Gemälden befanden. Das erste Gemälde wurde elf Jahre nach dem Erbfall schließlich doch als authentisch anerkannt, ins Werkverzeichnis des Künstlers aufgenommen und anschließend für 4 Millionen € als echt veräußert. Das zweite Gemälde war nicht veräußert worden. Das Landgericht Köln vertrat zu alldem die Ansicht, dass beide Gemälde jedenfalls am Stichtag „Todestag" als wertlos angesehen werden müssten und wollte sie deshalb in die Pflichtteilsberechnung mit 0,00 € einstellen. Gegen die Entscheidung des Landgerichts ging der unterlegene Pflichtteilsberechtigte in Berufung. In der Berufung gelang ihm schließlich ein Vergleich, dessen Ergebnis allerdings nicht bekannt wurde.

Kritik

Die Entscheidung des Landgerichts Köln kann vor allem beim ersten der beiden Gemälde nicht nachvollzogen werden. Ein Gemälde, das sich nachträglich als authentisch herausstellt, war dies auch schon zuvor. Dass die Authentizität erst nachträglich aufgedeckt wurde, darf jedenfalls nicht schaden, wenn der Rechtsstreit zu diesem späteren Zeitpunkt noch nicht entschieden ist. Dann ist man eben inzwischen schlauer. Aber auch beim anderen Gemälde hinterlässt die Entscheidung des Landgerichts Köln einen zwiespältigen Eindruck. Dass ein Gemälde in einer sich schwerpunktmäßig mit „Raubkunst" befassenden Datenbank erwähnt wird, macht es noch nicht zwangsläufig zur Raubkunst. Dazu müsste diese Eigenschaft bewiesen sein. Dass lediglich der Verdacht von Raubkunst oder ggf. sogar nur dazu vage Annahme im Raum steht, mag unter Umständen einen Bewertungsabschlag rechtfertigen. Das Gemälde aber sogleich mit 0,00 € zu bewerten, überdehnt und überschätzt den bloßen Verdachtsmoment.

Auswirkungen auf die Praxis

Wie der Ausgang des Rechtsstreits zeigt, sollte man als Pflichtteilsberechtigter vor Gericht nicht zu schnell aufgeben. Für den Pflichtteilsberechtigten des konkreten Falles steht zu hoffen, dass er in zweiter Instanz im Vergleichswege eine dem Wert beider Gemälde gerecht werdende pflichtteilsrechtliche Zahlung erhielt. Für die Rechtspraxis ist zu begrüßen, dass die Entscheidung nicht in Rechtskraft erwachsen ist und für ähnlich gelagerte Fälle somit nicht ohne weiteres herangezogen werden kann.

 

Michael Petermann
Rechtsanwalt und Fachanwalt für Erbrecht
Anwaltskanzlei Gaßmann & Seidel, Stuttgart

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